Folge 1: Das Datum
08.04.2027. Ein Donnerstag. Ihr Geburtstag. Und wir heiraten.
Ich schreib das so hin, als wäre es das Normalste der Welt. Aber es ist nichts Normalstes daran. Nicht, wenn zwischen dem ersten Sehen und dem Ja-Wort 28 Jahre liegen. Nicht, wenn man sich festlegt in einer Zeit, in der „mal schauen“ die ehrlichste Antwort ist, die man geben kann. In der Dating-Apps über Kompatibilität entscheiden und die Talking-Stage ewig dauert, bis man sich ghostet.
Aber der 8. April steht. Weil es ihr Geburtstag ist.
Bevor ich erzähle, wie wir hier gelandet sind, muss ich erzählen, wo ich war. Zwanzig Jahre lang war ich weg. Nicht physisch. Aber aus der Welt. Kein Social Media. Kein Mainstream-Rauschen. Ich hab gekämpft, um meinen eigenen Platz zu finden, und am Ende blieb nur die Stille.
Dann, 2021, kam der Funke zurück: Das DJing. Und kurz darauf öffnete ich die Tür zu den Netzwerken. Eine Lawine brach los. Alte Kontakte, vergessene Gesichter. Und mittendrin: ein Profil, das mich an sie erinnerte. An das Mädchen von 1995.
Folge 2: Der Vibe von damals
Sie ist mir nie aus dem Kopf gegangen. Ein Name, ein Gefühl, das mit den Jahren weicher wurde, aber nie verschwand. In der Flut der neuen Kontakte war da diese eine Frau. Ihr Name war anders, aber ihre Posts... die waren echt. Kein Performen. Kein Filter. Einfach nur da.
Ich schrieb ihr, dass sie mich an jemanden erinnert. Monate später, in einer alten Online-Community, stand plötzlich ein Kommentar von ihr: „Pep, bist du das? Lass ma treffen…“
Kein Drama. Kein „Ich kann nicht glauben, dass du es bist“. Nur: Lass ma treffen. Als wären dreißig Jahre ein Nachmittag gewesen.
Warum hat es 1995 nicht funktioniert? Weil ich nicht bereit war. Ich musste erst lernen, wer ich bin. Ich musste meine Dämonen besiegen, meine Identität finden und lernen, mich selbst okay zu finden. Diese 28 Jahre waren kein Umweg. Sie waren der Lehrplan. Ich musste erwachsen werden, um die Fragen aushalten zu können, die gleich kommen würden.
Folge 3: Die Treppe
Sie hat mir vor unserem Treffen geschrieben, dass sie sich verändert hat. Dass sie nicht mehr die von 1995 ist. Eine Warnung. Als ob man drei Jahrzehnte Leben in einer Kleidergröße verhandeln könnte.
Ich öffnete die Tür. Sie kam die Treppe hoch. Mein einziger Gedanke: Da bist du ja.
Sie setzte sich. Kein Smalltalk. Sie fragte: „Kannst du dir vorstellen, mit mir zusammen zu sein? Und willst du ein Kind?“
Dreißig Jahre. Und dann diese zwei Fragen. Kein Algorithmus, der matcht. Kein Ghosting. Kein „Wir lernen uns erst kennen“. Einfach: Hier. Ich. Du. Ja oder nein. In der Sekunde war alles klar. Nicht als Gedanke. Als Wissen.
Folge 4: Der Abgrund
Die ersten achtzehn Monate waren kein Happy End. Sie waren ein Trip in den Abgrund.
Ihr Kopf arbeitet auf einer Frequenz, die ich nicht empfangen kann. Sie hat mentale Kämpfe, eine innere Lautstärke, die ich nicht hören kann. Und dann war da noch ihre äußere Welt: Eine riesige, laute Community aus der Underground-Szene, Künstler, Menschen aus dem ganzen Netz, die sie verehren und vereinnahmen.
Ich stand daneben und war eifersüchtig. Auf alle. Auf eine Flut, die kein Ende hat.
Meine Familie und Freunde sagten: „Lass die Finger davon.“ Die Leute, die mich am längsten kennen, warnten mich. Ich wollte 33-mal gehen. Ich hab es gezählt. Die Nächte ohne Schlaf. Der Zweifel. Aber dann passierte der Shift. Ich hörte auf, ihre Welt als Bedrohung zu sehen. Ich dachte: Wenn sie noch mehr Menschen um sich hat, die sie lieben, habe ich mehr Hilfe.
Ich ließ los. Und genau in diesem Loslassen entstand ein Raum, in dem sie aufhören musste, extern zu suchen. Man hält niemanden, indem man ihn umklammert. Man hält ihn, indem man ein Safe Space ist.
Ab dem 34. Mal wollte ich bleiben.
Folge 5: Die neue Frequenz
Es gab keinen Moment, nach dem alles anders war. Nur diesen einen Gedanken, der alles gedreht hat.
Heute stehen wir hier. Die Menschen aus ihrer Vergangenheit, selbst jene, die ihr mal wehtaten, sind Teil unseres Friedens geworden. Ihre Crew, die Underground-Familie, hat mir offiziell ihren Segen gegeben. Sie haben nicht zu ihr Ja gesagt. Sie haben zu uns Ja gesagt.
Ich habe angefangen, meine eigenen Projekte zu bauen. neonFREQUENZ ist eines davon. Ich habe mich aus dem sozialen Netzwerk-Rauschen verabschiedet. Nur noch meine Texte. Meine Frequenz.
Und wisst ihr was? Jetzt ist sie manchmal eifersüchtig. Auf meine Projekte.
Früher war ich eifersüchtig auf die Männer in ihrer Welt. Jetzt ist sie eifersüchtig auf die Welt, die ich mir gebaut hab. Aber diesmal ist es keine Bedrohung. Diesmal ist es ein Lächeln. Ein: „Kommst du auch bald wieder zu mir?“ Dann mach ich den Laptop zu. Und geh zu ihr.
Ich hab mein Leben lang keine Familie gehabt. Und jetzt hab ich eine gewählte Familie. Durch sie.
Folge 6: 08.04.2027
Und jetzt steht es da. Das Datum. Es ist ein Versprechen, das dreißig Jahre gebraucht hat, um eines zu werden.
Am Ende ist das hier keine Anleitung. Kein Ratgeber für die moderne Liebe. Nur das: Es geht auch so.
Ohne Kompatibilitätsscore. Ohne drei Monate Talking Stage. Ohne die Garantie, dass es hält.
Es geht auch so: Man macht die Tür auf. Man lässt die Treppe hochkommen. Man stellt die harten Fragen. Und man bleibt. Auch wenn es 33-mal wehtut. Auch wenn alle abraten. Man bleibt. Und dann dreht sich etwas.
Am 8. April 2027 ist ihr Geburtstag. Und wir heiraten. Das ist kein Happy End. Das ist ein Anfang, der dreißig Jahre gebraucht hat, um einer zu werden.
Und das, was wir jetzt haben – das ist nicht das Happy End. Das ist das, was nach dem Happy End kommt.
Und es ist besser.
Foto: Rappunzel & DJ Pep im Jahre 1995
(c) Sabrina D.